• Veranstaltungen

  • Unser Newsletter


Archiv für die 'Probenberichte 2011' Kategorie

10.02.2011 Weissweine aus der Schweiz

Erstellt von Dieter am 21. Februar 2011

 Schweizer Weissweine – Probe am 10.02.2011

 

 

Als Herausforderung hatten wir es aufgenommen, uns mit einem etwas ‚Weissen Fleck‘ auf der europäischen Weinkarte, der Schweiz, zu befassen. Dass man bei der Schweiz eher an Uhren, Schokolade, Banken oder Käse und nicht an Wein denkt, ist auch nicht verwunderlich, denn bei ca. 15.000 ha Anbaufläche mit 1.2 Mio. hl erzeugten Weins, das sind 0,2% der weltweiten Weinproduktion, werden nur 1 – 2% des in der Schweiz erzeugten Weins exportiert. Damit ist es nicht einfach, sich einen Überblick über das Angebot von Schweizer Weinen bei 200 verschiedenen Rebsorten zu verschaffen, die Weine zu verkosten und diese dann zu beschaffen. Die ebenfalls nicht niedrigen Preise, vielfach bedingt durch hohe Produktionskosten in Steillagen, führen auch zu einem verhaltenen Kaufverhalten.

 

Andererseits gibt es in der Schweiz eine lange Weintradition und viele autochthone Rebsorten, die neugierig machen. Gestiegene Qualitätsansprüche, die sich auch in der Einführung von AOC-Statuten wiederspiegeln, und eine Generation junger Winzer, die neue Kellertechniken einsetzen, weckten zusätzlich das Interesse.

 

Ursprünge des Schweizer Weinbaus gehen auf verschiedene Einflüsse zurück:

·         Von Marseille (Marsilia), dem griechisch antiken Einfallstor, das Rhône-Tal aufwärts zum Genfer See

·         Von der Lombardei ins Tessin

·         Aus dem Aosta-Tal über den Großen St. Bernhard ins Wallis

·         Von der Rhône durch das Doubs-Tal zur burgundischen Pforte und von dort einerseits auf die Schweizer Seite des Juragebirges und auf der anderen Seite zum Hochrhein und an den Bodensee

 

Geschichtlich wurden diese Einflüsse begleitet: vor und um die Zeitenwende von den Römern, im 6. Jh. von den Augustiner Chorherren aus dem Burgund und im Mittelalter von den Zisterziensern. Die Blütezeit war im 19. Jh. mit 35.000 ha bestockter Fläche. Ende des 19. Jh. wurde die Schweiz auch von den Rebkrankheiten echter und falscher Mehltau und der Reblaus heimgesucht, so dass der Weinanbau bis 1932 auf 12.500 ha zurückging.

 

Das Schweizer Weingesetz basiert auf der Schweizer Lebensmittelordnung. Es muss der Begriff “Wein” genau definiert sein, zum Beispiel Perlwein, Schaumwein, Süßdruck (Rosé) und Luxuswein. In den 1990er-Jahren beschlossen einige Kantone sogenannte AOC-Statute, die aber je Kanton unterschiedlich gehandhabt werden. Die Höchsterträge werden nicht in hl / ha sondern in kg Trauben / m² festgelegt. Erlaubte Mengen sind 1,4 kg / m² bei Weissweinen und 1,2 kg / m² bei Rotweinen  – umgerechnet bedeutet dies zwischen 84 und 110 hl / ha.

 

Derzeit sind 3 Qualitätskategorien definiert:

·         Kategorie I sind kontrollierte Appellationen mit kontrollierter Ursprungsbezeichnung. Die AOC-Statute wurden nach französischem Vorbild eingeführt – z.B. AOC Wallis 1990 / AOC Waadt 1995. Für einige Gemeinden des Waadladnes die Bezeichnung „Grand Cru“ zugelassen.

·         Kategorie II ist ein Landwein mit Herkunftsbezeichnung, also ein Vin de Pays

·         Kategorie III sind Tafelweine ohne Herkunftsbezeichnung

 

Wir starteten die Weinprobe mit der für die Schweiz bei Weissweinen schon als Synonym geltenden Chasselas Traube („Gutedel“ im Markgräfler Land / „Fendant“ im Wallis – dabei leitet sich der Name des Weins davon ab, dass sich seine Haut unter den Fingern spaltet [frz. fendre = spalten, brechen]).

 

Der Chasselas wird im Waadtland auf ca. 2.600 ha, das entspricht 67% der Rebfläche des Waadtlandes, angebaut, gefolgt vom Wallis mit ca. 1.650 ha Anbaufläche. Das Waadtland zieht sich um den Genfer See, mit La Côte, am Westufer, Lauvaux, dem Gebiet zwischen Lausanne und Montreux am Ostufer und dem Chablais (der Name leitet sich ab von Caput Laci = Kopf des Sees), das ist der Bereich nordöstlich des Genfersees, und am rechten Ufer des Rhône-Tals zwischen Martigny und Montreux.

 

Der Erzeuger der ersten beiden Weine der Probe, die Domaine Louis Bovard, bearbeitet in der 10. Generation die Weinberge am Ufer des Genfer Sees. Heute umfassen diese Weinberge 17 ha, die zu 75% mit Chasselas bepflanzt sind; davon liegen 16 ha im Lavaux und 1 ha in Aigle, am Rhône-Zufluss. Wir probierten seinen Aigle Cuvée Noé AOC 2008 (Nr. 1), nach dem Namen des jüngsten Sohnes Noé benannt, und den Ilex Calamin 2008 (Nr. 2), einer Grand Cru Lage aus dem Lavaux. In beiden Fällen handelt es sich um Terassenlagen, in Aigle mit 50 und im Lavaux mit 30-40%-iger Neigung. Im Aigle wächst der Wein auf kiesiger Kalkerde und im Lavaux ist es eine schwere tonhaltige Erde. Beide Weine waren typisch für die Rebsorte –  dezente florale Noten mit leichtem Körper. Während der Aigle nur im großen Holzfass ausgebaut wurde, zeigten sich bei dem Calamin, bedingt durch die 11 Monate im Barrique, leichte Holztöne, die zusätzlich die mineralischen Geschmacksnoten unterstützten.

 

Zum Vergleich probierten wir zwei Chasselas aus dem Wallis. Das Wallis erstreckt sich oberhalb der Rhône auf eine Länge von 100 km mit teilweise schwindelerregenden Steillagen von bis zu 70% Steigung. Auf den mehr als 5.000 ha werden bei einer Palette von 50 verschiedenen Rebsorten 40% der Schweizer Weine erzeugt. Diese Rebflächen werden von 22.000 Kleingrundbesitzern – das sind im Mittel 450 m² je Parzelle – meist im Nebenerwerb bewirtschaftet. Seit 1990 werden im Wallis ausschließlich Qualitätsweine gekeltert.

Trockenes sonniges Klima, ergänzt durch warme Winde sowie unterschiedlichste Beschaffenheit der Böden, verleihen den hier produzierten Weinen originäre und komplexe Eigenschaften. Das Wallis verfügt über eine mittlere Sonnenscheindauer von 2.100 Stunden bei einer Niederschlagsmenge von 600 bis 800 mm / Jahr. Damit sind die klimatischen Randbedingungen ähnlich wie in Bordeaux – Vorbild vieler Schweizer Erzeuger. Ein weiteres wichtiges Klimaphänomen sind die Temperaturunterschiede zwischen heißen Tagen und kühlen Nächten. Ebenso reichhaltig und komplex sind die Böden: das Unterwallis ist mehrheitlich von Granit geprägt, teilweise von Löss bedeckt; Richtung Oberwallis gibt es extrem kalkhaltige Böden und zwischen diesen beiden Zonen befinden sich Moränen und Kalk- und Schieferböden. Ein zusätzlicher wichtiger Bodentyp sind Schuttkegel, die sich aus großen und kleinen Kieselsteinen – abgelagerte Geschiebe in den Zuflüssen der Rhone – gebildet haben.

 

Wir verkosteten einen Fendant Grand Cru Plan Loggier 2008 (Nr. 3) von Charles Bonvin Fils aus Sion und einen Fendant de Sierre 2008 (Nr. 4) von Rouvinez Vins, gekeltert aus einer Selektion von Chasselas.

Das im Jahr 1858 unter dem Namen „Charles Bonvin Fils“ gegründete Weinhaus gilt als das älteste Schweizer Weinhaus im Wallis. Auf einer Fläche von 30 ha, auf der Sonnenseite des Rhônetales gelegen, werden auf steinigen, leicht kalkhaltigen Böden mit ausgiebiger Sonnenbestrahlung und wenig Niederschlägen zu 60% Weissweine produziert.

Rouvinez Vins ist ein 1947 gegründetes Familienunternehmen. Die 80 ha Rebfläche liegen an den sonnenverwöhnten Hängen des Rhônetales auf steinigen Moränehügeln. Heiße Sommer und der lange und sonnige Herbst werden durch den regelmäßig wehenden Talwind unterstützt und sorgen für ein optimales Klima für die Reben.

Beide Weine zeigten sich zart, leicht fruchtig und recht säurearm. Wir stellten fest, dass die Chasselas-Weine wohl etwas mehr Zeit benötigen um sich uns in ihrer Komplexität zu erschließen.

 

Wir setzten die Probe mit einem Ermitage 2008 (Nr. 5), auch als Marsanne Blanche bezeichnet, fort. Diese Rebsorte soll Mitte des 19. Jh. von Walliser Söldnern aus Frankreich ins Wallis gebracht worden sein. Die kräftige, spätreifende Sorte entwickelt ihr Potential nur auf besten Lagen und erfordert eine strenge Mengenbegrenzung. 1928 legte Albert Mathier mit der Gründung seines eigenen Weinhandels den Grundstein für die Weingeschichte der Familie Mathier. Derzeit baut Albert Mathier & Söhne auf 30 ha in 640 m Höhe autochthone Reben an und erzeugt daraus besondere Walliser Weine. Der Ermitage gefiel mit zarten Aromen, Rauchnoten und leicht betontem Körper.

 

Als Wein Nr. 6 probierten wir eine Humagne Blanc 2009 aus der „Collection Chandra Kurt“. Diese autochthone Rebssorte wurde schon im Jahre 1313 in Sion urkundlich erwähnt. Durch den erhöhten Eisengehalt der Rebsorte schreibt man den Weinen gesundheitsfördernde Eigenschaften zu, er wurde als belebender Krankenwein geschätzt und soll Wöchnerinnen nach der Geburt eines Kindes gereicht worden sein. Der Humagne Blanc gedeiht in 1.150 m Höhe in Visperterminen, die zu den höchstgelegenen Weinbergen Europas gerechnet werden. Der Wein wurde im großen Holzfass ausgebaut und liegt im Restzuckergehalt unter 2 g/l. Die „Collection Chandra Kurt“ wurde von Madeleine Gay und Chandra Kurt für die Kooperative Provins kreiert. Die  Kooperative mit mehr als 4.400 Gesellschaftern, Lieferanten von Trauben, erntet jährlich ungefähr 10 Mio. Kilo Trauben und präsentiert 23% der Walliser bzw. 10% der Schweizer Produktion. Madeleine Gay, gehört zum Önologen Team von Provins und war Winzerin des Jahres 2008; Chandra Kurt ist eine der bekanntesten Schweizer Wein-Autorinnen, hat diverse Weinbücher verfasst und publiziert in zahlreichen Medien über Wein. Der goldgelbe Wein erfreute mit einem duftigen Bouquet, zeigte eine gut integrierte Säure und wirkte erfrischend mit spannender Mineralität.

 

Fortgesetzt wurde die Probe mit der Spezialität des Wallis, der autochthonen Sorte Petite Arvine, die dort auf 65 ha angebaut wird. Die Rebsorte ist windempfindlich, reift erst spät und verlangt deshalb beste, nicht zu trockene Lagen. Die beiden ersten Petite-Arvine Weine waren prämiert, was wir anhand der Verkostung auch nachempfinden konnten. Die Nr. 7 „Les Authentiques» 2008 von Maurice Gay aus Chamoson, vertrieben vom Weinhaus Obrist, und die Nr. 8 Petite Arvine Bonvin 2008 vom Erzeuger Charles Bonvin Fils, den wir bei Wein Nr. 3 schon kennengelernt hatten.

Les Authentiques, angebaut auf kalkhaltigem, schiefrigem Lehmboden, wurde aus Anlass des 125-jährigen Firmenjubiläums des Weinunternehmens Maurice Gay AG kreiert. Maurice Gay verarbeitet die Erträge von 20 ha eigenen terrassierten Rebbergen, in den besten Lagen des Mittelwallis, und die Erträge von 450 Winzern aus einem Anbaugebiet von rund 250 ha; im Durchschnitt werden jährlich 1.5 Mio. Kilo Trauben vinifiziert. Les Authentiques überzeugte mit dem Duft nach Quitte und rosa Grapefruit, gab sich körperreich mit Limonenaromen und einer leicht salzigen Note.

Der Wein von Bonvin zeigte eine feine, leicht exotische Nase mit Mangoaromen, eine gute Säure, Frische und Komplexität.

 

Anschließend probierten wir vom Weinhaus Rouvinez – s. Wein Nr. 4  – einen Petite Arvine von der Domaine Château Lichten 2008 (Nr. 9) und „La Trémaille“ 2006 (Nr. 10), eine Assemblage von Petite Arvine und Chardonnay. Die Weine gefielen mit ihren Zitrusaromen und ihrer kräftigen Frucht. Wein Nr. 10, aus dem Jahr 2006, der im Barrique ausgebaut war, würde man gern noch einmal zu einem späteren Zeitpunkt probieren.

 

Bei einer Probe Schweizer Weissweine aus dem Wallis darf eine Rebsorte nicht fehlen: der Heida (Savagnin), auch „Perle der Alpenweine“ genannt, denn auch er wird in Visperterminen auf 1.150 m Höhe angebaut. Savagnin, eine uralte Rebsorte, kleinbeerig und ertragsarm, bringt in Frankreich den „Vin jaune“, den oxidativen gelben Wein des französischen Jura, hervor. Im Wallis wird der Heida Mitte des 16. Jahrhunderts erstmals erwähnt. Wir verglichen Wein Nr. 11, den vom Weinhaus Albert Mathier & Söhne erzeugten Heida aus dem Jahr 2008, mit Wein Nr. 12, hergestellt von Madeleine Gay und Chandra Kurt aus der Linie „Collection Chandra Kurt“ des Jahres 2009. Auch der Wein Nr. 12 wurde im großen Holzfass ausgebaut und liegt im Restzuckergehalt unter 2 g/l. Beide Weine gefielen mit ihrer Mineralität und Würze und einer schönen Länge am Gaumen. Der etwas höhere Alkoholgehalt war gut eingebunden, charaktervolle Weine, die eine Verkostung bereichern.

 

Zum Abschluss ließen wir uns eine Spezialität aus Graubünden schmecken, einen Completer (Nr. 13). Graubünden weist nur eine kleine Rebfläche von etwas über 410 ha auf, wo zu 80% Pinot Noir angebaut wird. Die Rebsorte Completer ist die älteste Graubündens und wurde nach Aufzeichnungen bereits 926 in Malans angebaut. Der Name der Sorte und des daraus gewonnenen gleichnamigen Weines leitet sich vom abendlichen Gebet „Completorium oder Completa“ ab, nach dem der aromatische, körperreiche Wein früher von den Mönchen des Domkapitels Chur als Stärkung getrunken wurde. Der Anbau dieser vor allem auch für die Kelterung sehr anspruchsvollen Sorte, beschränkt sich allerdings auf weniger als 1% der Bündner Rebfläche. Der Erzeuger Thomas Donatsch aus der vierten Winzergeneration, die Betriebsgründung erfolgte bereits 1897,  steht maßgeblich für die innovative Bündner Weinszene und den Aufschwung des kleinen, feinen Weingebiets zwischen Chur und Fläsch. Als erster baute er seinen Pinot Noir nach Burgunderart in Eichenbarriques aus und auch bei dem Completer findet die Gärung in französischen Eichenfässern statt. Zum Weingut Donatsch gehören 5 ha Rebberge, jährlich werden 35.000 Flaschen produziert. Der „Donatsch Completer“ überzeugte als kraftvoller, würziger aromatischer und mineralischer Wein, eine Rarität für Liebhaber alter Sorten.

 

Außerhalb der Wertung probierten wir als Nachtrunk und als Vorausschau auf die Probe der Schweizer Rotweine im November noch den Oeil de Perdrix (Auge des Rebhuhns) von Albert Mathier & Söhne, einen Rosé Wein aus einem Pinot Noir, eine Walliser Spezialität. Die Trauben bleiben nur 2 – 3 Tage auf der Maische und werden dann gepresst. Verbunden sind hier die Finesse eines Weissweins mit der Komplexität eines Rotweins, vollmundig wegen seiner speziellen ‚Rosé-Aromatik, ein spritziger, leichter Wein.

 

 

Verfasserin: Carla Beyer

Probenergebnis 10.02.2011 Schweizer Weissweine (PDF)

Abgelegt unter Probenberichte, Probenberichte 2011 | Keine Kommentare »

Technikprobe am 24.01.2011

Erstellt von Dieter am 8. Februar 2011

Alle hatten es sich ja gewünscht, dass unsere diesjährige Technikprobe wieder das Thema Weinfehlern behandeln sollte.  Damit war natürlich klar, dass es nicht unbedingt eine Genussprobe für den Start ins Neue Jahr würde.

Erfreulicherweise hatte sich Frank John als Önologe wieder bereit erklärt, uns trotz seiner dienstlichen Belastung eine Probe zusammenzustellen. Bei seiner Beratungstätigkeit wird er mit einer Vielzahl an mehr oder weniger fehlerhaften Mustern konfrontiert, aus denen sich eine Probe zusammenstellen liess. (Alle Proben waren natürlich streng anonym auf unsere Weinprobe präsentiert worden)

Doch bevor es an die Verkostungen der Kellermuster ging, stellte Frank John das umstrittene Weinjahr 2010 aus seiner Sicht dar.

Es war ein Jahr der Extreme: Viel Schnee und Frost im Januar und Februar, der März war nasskalt mit zu viel Wasser. Der April war dann zwar trocken, dafür aber weiter kalt – teilweise auch  mit  harten Nachtfrösten, die die austreibenden Reben teilweise stark geschädigt haben.

Der Mai als „Weichenmonat” begann schon in der ersten Woche mit ca. 100 mm Niederschlag – normal sind 40 – 60 mm für den gesamten Monat Mai. Die Niederschlagsmenge stieg bis zum Monatsende auf 220 mm in der Pfalz, in der Wachau bis auf 240 mm und im Weinviertel auf 250 mm.

Die Folge war – trotz des kalten Wetters – ein deutlicher Pilzbefall an den sich bildenden Gescheinen (Blütenstände). Dadurch wurde die mögliche Erntemenge schon um ca. 30% gemindert. Sehr ungleiche Entwicklung der Gescheine während der Blüte führte zu einer weiteren Ertragsminderung um ca. 10%.

Dann kam viel Wärme im Juni und Juli. Der August wiederum führte zu einem Sonnendefizit gegenüber dem statistischen Jahresmittel. Erst dann kam ein schöner Herbst der zu sauberen, reifen Trauben führen konnte, aber nur für den, der beim Pflanzenschutz und bei der Laubarbeit alles richtig gemacht hatte. Alle anderen hatten mit deutlichen Ernte- und Qualitätsverlusten zu kämpfen.

Nun zu unseren Demonstrationsmustern:

Wein Nr. 1:

Der Wein wies eine deutliche, etwas spitze Fruchtsäure mit stark grünen Tönen nach Apfel und Citrus auf. Es war zu unserer Überraschung ein 2010’er Müller Thurgau aus Franken mit 10,8 g/l Säure. Er war nicht entsäuert worden, dafür hatte man ihm aber ca. 20 g Restsüße gelassen – diese Süße konnte man aber nicht schmecken, sie ließ aber den Wein deutlich weicher und weniger säurebetont erscheinen. Dadurch, dass der Wein nicht entsäuert war, zeigte er sich zwar nicht mehr als typischer fränkischer Müller Thurgau, hatte aber Frucht und Charakter behalten – eher wie ein würziger Riesling von der Saar.

Wein Nr. 2:

Dieser Wein wirkte dagegen breit, alt, flach, bitter, etwas staubig. Wegen der jahrgangsbedingten hohen Säure von 14 g/l sollte er über eine Doppelsalz-Fällung behandelt werden – nur war dabei ein Fehler begangen und über das Ziel hinaus auf 3,5 g/ l entsäuert worden. Dadurch fehlte ihm die Frische und durch überschüssige Calcium-Ionen aus der Entsäuerung war er zudem bitter und stumpf geworden.

Für einen Silvaner aus der Spätlese-Klasse war das enttäuschend.

Wein Nr. 3:

Dieser Wein war aus dem gleichen Roh-Most wie Wein 2 entstanden, aber es war  mit Kalk nur einfach auf 9,8 g/l entsäuert worden. Dadurch wirkte er noch sehr grün, grasig und vegetabil. Durch überschüssige Calcium-Ionen nach der Entsäuerung war er wie sein Vorgänger bitter geworden.

Wein Nr. 4:

Er zeigte einen quarkigen Ton nach Diacetyl, Durch schlechte Qualität des Leim­korkens hatte dieser 2008’er Sauvignon blanc, einen deutlichen Klebstoffton ange­nommen.

Wein Nr. 5:

Er hatte einen leichten Geruch nach Toilettensteinen. Auch handelte es sich um einen 2010’er  Sauvignon blanc,  der zu früh und damit unreif geernet wurde. Aufgrund seiner hohen Säure wurde er von 16 g/l um 50% auf erträgliche 8 g/l entsäuert, aber die Pyrazin-Verbindungen, die aus den unreifen Sauvignon blanc-Trauben stammen, wurden natürlich nicht abgebaut, denn sie vermindern sich in der Traube nur bei ausreichender Reife. So wird der Wein durch die Pyrazin-Verbindungen deutlich dominiert und ist damit nicht als Sauvignon blanc zu vermarkten.

Wein Nr. 6:

Dieser Wein zeigte sich als 2010’er Gewürztraminer sehr kratzig und mit einem deutlichen Essigstich. Tatsächlich liegt hier der Anteil an flüchtigen Säuren bei 1,3 g/l, die erlaubt Grenze ist mit 0.7 g/l deutlich niedriger. Damit ist dieser Wein nicht mehr verkehrsfähig und darf nur noch zu Essig verarbeitet oder zu Alkohol destilliert werden.

Ein Essigstich entstand früher oft dann im Keller, wenn es sich um einen gemischt­wirtschaftlichen Betrieb handelte, in einem auch Viehzucht betrieben wurde. Heute entstehen diese Fehler fast ausschließlich bei mangelnder Arbeit im Weinberg. Ein zusätzliches Risiko stellen Vollernter dar, die im Laufe des Tages zu einer Brutstätte für die Essigbakterien werden können.

Wein Nr. 7:

Er ist aus dem gleichen Roh-Traubenmost entstanden wie Wein Nr. 6, nur dass entsäuert wurde. Er zeigt noch leichte Ester-Noten, ist aber mit 0.1 g/l flüchtigen Säure unterhalb der erlaubten Grenze. Diese Variante war verkehrsfähig, aber als hochpreisiger Gewürztraminer natürlich nicht geeignet.

Wein Nr. 8:

Nun kamen wir zu den Rotweinen. Wir verkosteten einen 2009’er St.Laurent aus der Thermenregion, der einen leichten Bretanomyces-Ton (Pferde-Schweiss) hatte und zusätzlich etwas mäuselt (Geruch nach Mäuse-Harn). Der Bretanomyces-Ton kommt oft mit diesem leichten Mäuseln (von Lactobazillus brevi) zusammen und lässt die Weine dann breiter, indifferenzierter, aber auch weicher im Tannin erscheinen. Früher gehörte dieser Ton oft zu Rotweinen, da die Fasshygiene ohne Hochdruckreiniger und anderer Reinigungsmaßnahmen nicht ausreichend war, um die Entwicklung der entsprechenden Keime in den Holzfässern zu verhindern.

Wein Nr. 9:

Dieser Wein zeigte sich als 2009’er Zweigelt mit dichter, pflaumiger Frucht und Struktur. Trotzdem wirkte er dumpf und stechend, da seine flüchtigen Säure bei 0,8 g/l lag. Sehr bedauerlich für diesen dichten, intensiven Wein, der durch die flüchtige Säure deutlich verloren hatte und mit 0,8 g/l auch nicht mehr verkehrsfähig ist.

Wein Nr. 10:

Hier handelte es sich um einen dunklen 2005’er Barbera aus den Marken. Er zeigte eine etwas unsauberer Nase und vor allem ein eigenartiges Tannin. Für eine leichte Mikro-Oxidation war er in alten gebrauchten Barriques ausgebaut worden. Um die Farbe zu stabilisieren und etwas mehr Tanninstruktur zu erreichen, wurde er zusätzlich mit Tannin-Extrakt behandelt.  Auch wenn diese Tanninzugabe in Italien für viele Barbere üblich zu sein scheint, brachte die Tanninzugabe kein stimmiges und harmonisches Ergebnis zwischen Frucht und Tannin.

Wein Nr. 11:

Wir hatten einen  2007’er Cabernet Franc von der Loire (Chinon) vor uns, mit leichtem Paprika- und Pfeffernoten und dazu stellte sich ein leichter Bretanomyces-Ton – allerdings ohne Mäuseltöne – ein.

Durch den sehr dezenten und nicht störenden Bretanomyces-Ton wirkt das Tannin weicher, runder und fülliger. In diesem Fall kann man den zarten Bretanomyces-Ton auch nicht mehr als Weinfehler bezeichnen.

Wein Nr. 12:

Noch ein 2008’er Chardonnay aus dem Piemont, mit Barrique-Ausbau. Er zeigte sich sehr primärfruchtig mit leichtem Bananen-Ton, aber auch sehr hart und kantig in der Fruchtsäure. Ursache dafür war, dass die Trauben mit relativ viel Säure (6,1 g/l ) geerntet worden waren. Nach der Vergärung und einem malolaktischen Säureabbau hatte der Wein dann aber zu wenig Säure und wurde durch Weinsäure- und Ascor­binsäurezusatz wieder auf 5,5 g/l gebracht. Und so fehlte die Harmonie zwischen Frucht und Säure.

Wein Nr. 13:

Das war mit der Nr. 13 kein böses Omen sondern die Belohnung für unverdrossenes Probieren. Es gab vom eigenen Hirschhornerhof einen 2009’er Riesling vom Buntsandstein mit 96°Oechsle von Hand geerntet. Ein Viertel der Trauben wurde abgebeert und mit den nicht abgebeerten Trauben 24 Std bei 20°C auf der Maische stehen gelassen. Dann wurde alles einschließlich der Schalen in Holzfässern über 5 Monat spontan vergoren und  abgepresst. Der Wein hat dabei eine malolaktische Gärung durchgemacht und wurde im Oktober 2010 nach leichter Filtration und sehr geringer Schwefelung abgefüllt. Die analytischen Werte sind 12,4% Alkohol, 4,5 g/l Restzucker, 6,9 g/l Säure und 31 g zuckerfreier Extrakt.

Diese Werte sagen natürlich nicht unbedingt etwas über den Geschmack des Weines, aber geben schon eine Hinweis auf die besondere Qualität: Weiche, zart cremige und elegante Frucht, weiche, aber nicht breite Fruchtsäure  insgesamt ein ungewöhnlicher Wein mit dichter, aber nicht breiter Frucht, der seine Eleganz behalten hatte. Das war kein „Mainstream-Wein” aber sehr interessant und natürlich absolut fehlerfrei.

Wir hatten einen anstrengenden, aber interessanten und informativen Abend hinter uns. Dieses mal waren nicht alle Abweichungen vom Normalen (d.h. Fehler) so dominant, dass alle Weine ungenießbar geworden wären. So z.B. der Müller Thurgau und der Cabernet Franc, die ins Extreme abgewichen, aber durchaus ihren Reiz hatten.

Damit zeigte sich wieder, dass Wein kein Naturprodukt sondern ein Kulturprodukt ist.

Für diese Erkenntnis, die im Laufe des Abends durch die aufgeführten Bespiele untermauert worden war, möchten wir uns noch einmal bei unserem Referenten bedanken.

Abgelegt unter Probenberichte, Probenberichte 2011 | Keine Kommentare »